Res Strehle rechtfertigte „Erschiessungen von Unternehmern“ und kritisierte „Juden im Dienste des Grosskapitals“!

Philipp GutDie befremdlichen Ansichten des Dr. oec. HSG Res Strehle, heute Chefredaktor des Tages-Anzeigers, gingen selbst dem linken Publizisten Niklaus Meienberg zu weit. Strehle rechtfertigte «Erschiessungen von Unternehmern» und kritisierte «Juden im Dienste des Grosskapitals».

Autor Philipp Gut (Zuerst erschienen in Weltwoche Nr. 7.13 (14. Februar 2013)!  Veröffentlicht mit der Einwilligung des Autors. Vielen Dank!)

Der Weltwoche-Artikel über Tages-Anzeiger-Chef Res Strehle und seine linksextreme Vergangenheit («Der süsse Duft des Terrorismus», Nr. 6/13) habe «schweizweit für Gesprächsstoff » gesorgt, schreibt das Branchenorgan Persoenlich.com. Strehle selber hält sich überwiegend bedeckt. Die Weltwoche hatte ihm vor der Publikation ausführliche Fragen zu seinem jahrelangen Verhältnis zur militanten linken Szene Zürichs gestellt, in die der damals dreissig- bis vierzigjährige Inhaber eines Doktortitels der Hochschule St. Gallen (HSG) intensiv verstrickt war. Strehle blieb die termingerechte Antwort schuldig, reichte aber nach Redaktionsschluss die Bemerkung nach, dass er sich grundsätzlich «nicht» zum Thema «geäussert» hätte. Auch auf das Angebot der Weltwoche, in dieser Ausgabe aus persönlicher Sicht die Dinge aufzuklären und aufzuarbeiten, stieg er nicht ein. Entgegen seiner ursprünglichen Absicht, nichts zu sagen, äusserte er sich dann doch noch – in der Online- Ausgabe des Tages-Anzeigers am letzten Freitag und gedruckt am Samstag. Ohne auf Konkretes einzugehen, stritt Strehle die von der Weltwoche dargelegten Fakten ab. Statt Licht ins Dunkel seiner linksextremen Vergangenheit zu bringen, erwägt Strehle rechtliche Schritte.

Anwälte statt Argumente

In der Branche hat man sich stillschweigend darauf verständigt, die Causa Strehle im Reich der Bagatellen zu versenken. Den Takt gab Tamedia- Verleger Pietro Supino vor. Er beschied einem irritierten Leser, er habe den Weltwoche- Artikel «aufmerksam gelesen und dabei nichts erfahren, was mein Vertrauen in Res Strehle schmälern könnte». Sekundiert wurde Strehles Chef von Presserats-Präsident Dominique von Burg, der – erstaunlicherweise noch vor jeder sorgfältigen Abklärung – vorverurteilend verlauten liess, die Weltwoche-Berichterstattung sei «unzulässig». Ein «aktueller Zusammenhang» sei nicht gegeben, so von Burg gegenüber der Zeitung Sonntag.

Aufarbeitung, aber nicht bei sich selber

Der Befund erstaunt. Seit wann ist es nicht mehr «aktuell», die verdrängte Geschichte des Schweizer Linksextremismus und eines ihrer einflussreichsten «Vordenker» (Die Wochenzeitung [Woz] über Strehle») aufzuarbeiten? Die «Aufarbeitung» der Vergangenheit ist eines der grossen Postulate nicht nur der historischen Forschung, sondern auch des Journalismus und insbesondere des Journalisten Res Strehle, der sich immer wieder mit Phänomenen der Geschichte beschäftigte, wenn auch nicht der eigenen. Kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist journalistische Pflicht. Presserats Presserats- Präsident von Burg sieht es offensichtlich anders. Doch sein Wink mit dem Rotstift scheint in weiten Journalistenkreisen überflüssig zu sein. Kollegen aus Presse und TV überbieten sich geradezu darin, die historischen Fakten zu Strehles linksextremer Vergangenheit in Ulk und Unernst aufzulösen. Von lässlichen «Jugendsünden» ist in Kommentaren und Blogs die Rede – wenn überhaupt. Eine vertiefte Auseinandersetzung findet nicht statt. Der Medienkolumnist der NZZ, Rainer Stadler, geht auf den Kern – die persönliche wie geistige Nähe des heutigen Tagi- Chefs zu Attentätern, seine publizistische Rechtfertigung politischer Gewalt – nicht ansatzweise ein. Sandro Brotz («Rundschau» des Schweizer Fernsehens) twittert, er «gestehe präventiv, zirka 1982 von der Polizei wegen Velofahrens ohne Licht gebüsst worden zu sein». Sein «Tagesschau»-Kollege Erwin Schmid schreibt, er habe «nächtelang im besetzten Wohlgroth abgetanzt. Bekomm’ ich jetzt auch einen Weltwoche-Artikel?» Und Viktor Giacobbo, immerhin Komiker, fragt in Anspielung auf das Weltwoche-Strehle-Cover, ob sein Tagi- Abo ihn nun auch in «irritierende Nähe» zu Bombenlegern und linken Extremisten bringe. Der einhellige Tenor in der Szene lautet: harmlos, irrelevant, passé.

Res  Strehle

«Aus politischen Gründen abgekühlt»

Die Twitterer, Kritiker und Kommentatoren gehen etwas schnell über die Angelegenheit hinweg. Der landesweit bekannte Chefredaktor einer der grössten Schweizer Tageszeitungen verkehrte nachweislich mit Terroristen und hatte engste Kontakte in die gewalttätige und gewaltbereite Szene. Er rechtfertigte als längst Erwachsener Gewaltakte im Namen marxistisch-leninistischer Ideale. Strehle selber streitet ab und weist die Fragen von sich, obwohl Dokumente klar belegen, wie irritierend nahe er sich am linksextremen Rand bewegte. Wie kam der jetzige Tagi-Chef und heute feinfühlige Kommentator des Zeitgeschehens auf seine menschenverachtenden Ideen? Weshalb hielt er so lange an ihnen fest? Hat er sich je von ihnen verabschiedet? Antworten auf solche Fragen wären nicht nur im Sinn der vielgerühmten «Vergangenheitsbewältigung» hilfreich; sie sind – anders als dies der Presserats- Präsident darstellt – auch hochrelevant für die Beurteilung dessen, was der Tages-Anzeiger- Chefredaktor und sein Blatt heute Tag für Tag schreiben. Strehle füllt virtuos die Rolle eines moralisch-politischen Linienrichters aus, der die «Grenzen des gesellschaftlich Diskutierbaren » festlegt. Oder man nehme die Schatten des Zweiten Weltkriegs: Zu Recht fordert der Tages-Anzeiger, auch in diesen Tagen wieder, die kritische Beschäftigung der Schweiz mit der Weltkriegsvergangenheit. Umso weniger leuchtet ein, dass die Unmittelbarvergangenheit des Chefredaktors kein Thema sein dürfe. Es geht letztlich um die Glaubwürdigkeit Strehles – und die seines Blatts. Mottet und schwelt das extremistische Gedankengut unterschwellig weiter? Wer, wie es Strehle unablässig tut, im öffentlichen und politischen Diskurs «Moral» und «Transparenz » einfordert, kann dieselben Massstäbe bei seiner eigenen Biografie nicht ernsthaft verweigern.

Wer ist Res Strehle?

Eine unverdächtige Zeugin ist Marianne Fehr, ehemalige Journalistin der von Strehle mit gegründeten linken Wochenzeitung (Woz) und Biografin des Publizisten Niklaus Meienberg. Fehr beschreibt, wie sie Strehle 1988 zu einem Essay im Meienberg-Band «Biederland und die Brandstifter» gewinnen wollte. «Vorgesehen war eigentlich auch ein Buchbeitrag von Res Strehle, eine Kritik von links», so Fehr. Schon dies ist aufschlussreich. Meienberg positionierte sich damals selber zwischen dem «äusseren linken Rand der Sozialdemokraten », den POCH und, wörtlich, den «Trotzkisten ». Doch Strehle ging diese Linksaussenposition zu wenig weit. Die beiden Freunde, die zuvor mehrere Jahre zusammen gewohnt hatten, entfremdeten sich über diesen ideologischen Unterschieden. Fehr: «Strehles Verhältnis zu Meienberg hat sich seit 1984 vor allem aus politischen Gründen stark abgekühlt. Bevor er seinen Text schreiben will, sollen die Differenzen auf den Tisch kommen. Im Gespräch kritisiert Strehle Meienbergs Abgrenzung von linksradikalen Positionen.» «Linksradikal» hiess innerhalb der extremen Linken, dass man den Terror befürwortete, dass man die Überzeugung vertrat, der kommunistischen Revolution sei mit gezielten Morden an Repräsentanten des demokratischen und marktwirtschaftlichen Systems auf die Sprünge zu helfen – wie das etwa die Rote-Armee-Fraktion (RAF) in Deutschland tat. Entlang der Terror- und Gewaltfrage verlief die Trennlinie. Strehle wandte sich von Meienberg ab, weil dieser Attentate wie diejenigen auf den deutschen Generalstaatsanwalt Siegfried Buback oder Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ablehnte. Meienberg nannte die Terrorstrategie «trottelhaft», was Strehle nicht goutierte. Noch einmal Fehr: «Meienberg distanziert sich einmal mehr von der ‹Trottelhaftigkeit› von Gruppen wie der deutschen RAF oder der Brigate Rosse, die glauben, mit punktuellen Morden einer revolutionären Bewegung Vorschub leisten zu können.»

Bortone war kein Einzelfall

Weil Meienberg vom Terror nichts wissen wollte, wandte sich Strehle von ihm ab. Dabei handelte es sich nicht nur um eine akademische Diskussion unter exzentrischen Linken. Strehle pflegte engen persönlichen Umgang mit rechtskräftig verurteilten Terroristen. Und er rechtfertigte die Gewalttaten in zahlreichen Artikeln. In seiner Wohngenossenschaft an der Neptunstrasse am Fuss des Zürichbergs habe er mit dem italienischen Terroristen Nicola Bortone, einem prominenten Mitglied der Brigate Rosse und ehemaligen Freund von Andrea Stauffacher (Revolutionärer Aufbau), «Wand an Wand» gelebt, wie eine intime Quelle sagt. Bortone wurde am 18. September 2001 in Abwesenheit von der Corte di Assise di Roma zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Hat der heutige Tagi-Chef in den 80er Jahren gar einen international gesuchten Terroristen vergezielsteckt? Warum spricht er bis heute nicht offen darüber? Auch wenn Bortone Strehle gegenüber seine wahre Identität verschleiert haben sollte, ist es sehr unwahrscheinlich, dass Strehle nicht gewusst hat, wen er vor sich hatte. Bortone konnte in Zürich auf willige Helfer zählen, die alle aus dem Umfeld stammten, in dem sich auch Strehle bewegte. Und Bortone war kein Einzelfall. Auch der Schweizer Jürg («Jüre») Wehren, 1983 vom Bezirksgericht Zürich wegen «Besitz von Sprengstoff in verbrecherischer Absicht im terroristischen Umfeld» zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, soll zeitweilig Unterschlupf an der Neptunstrasse gefunden haben. Selbst nach dessen Verurteilung hielt Strehle an der engen Zusammenarbeit mit Wehren fest. Aus dem Gefängnis heraus illustrierte der Terrorist 1985 Strehles Buch «Damengambit». Dasselbe gilt für die ebenfalls zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilte Wehren-Komplizin Claudia Bislin. Die Woz brachte am 4. Februar 1983 ein aufschlussreiches «offenes Wort» von Bislin. Aus dem Gefängnis heraus riet die Terroristin: «Wenn sie zu dir kommen und sagen: ‹Bereue!›, dann gibt es nur eins: Sag nein!» Der heutige Tages-Anzeiger-Chef scheint den Rat der einstigen Kampfgefährtin beherzigt zu haben. Strehle nahm innerhalb der Woz-Redaktion die Rolle eines Fürsprechers und einer Ansprechperson von Brandstiftern und Figuren aus der militanten Szene wahr. Das illustriert ein Vorfall von Mitte August 1984. Militante AKW-Gegner verübten damals, nebst anderen gewaltsamen Attacken, einen Brandanschlag auf das Ferienhaus von Nagra-Präsident Rudolf Rometsch. Zur Untat bekannte sich eine Gruppe, die sich «Atomic Rometsch» nannte. Umgehend veröffentlichte die Woz ein ganzseitiges Videospiel der Gruppe, bei dem man mittels einer Serie von Gewaltakten Punkte «gegen das System» sammeln konnte: «25 Sprengstoff-Kerzen gehen an die Ständeräte», «Anschlag auf Mast in Graben», «Anschlag auf Sulzer AG», und so fort. Am Schluss heisst es: «Wir sind am Ziel. Noch rasch den schwarzen Koffer ausgepackt – das neue, handliche Flamvit erledigt die Aufgabe von selbst.» Das Spiel mit dem Terror ist Realität geworden. «Die blauen Augen der Revolution blitzen vor notwendiger Grausamkeit»: Die Jubelzeile des französischen Dichters Louis Aragon über den Stalinismus könnte damals auch Res Strehle elektrisiert haben. Zwei Ausgaben später interviewt Strehle einen der Brandstifter – eine journalistische Leistung, die nur deshalb zustande kommen konnte, weil Strehle ein vertrauenswürdiger Gesprächspartner für die Gesetzesbrecher war. Offensichtlich kannte man sich, Strehle redet den «anonymen Sprecher» der Gruppe vertraulich mit «du» an. Den Lesern präsentiert sich der Interviewer als eine Art verlängerter PR-Arm der Brandschatzer, die auch Autos «führender Vertreter der Energielobby» (Strehle) angezündet hatten. «Rometschs Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder », berichtet der verständnisvolle Journalist. In einem Videofilm demonstriere die Gruppe, «wie so etwas gemacht wird». Fragesteller Strehle – nicht etwa der Brandstifter – bedauert, das sich gemässigte Anti-AKWOrganisationen «gegenwärtig noch stets postwendend von militanten Aktionen» distanzierten. Für Strehle tut sich offenbar eine revolutionäre Perspektive auf: Er erhofft sich eine «Radikalisierung auch unter Gemässigten». Anschläge und politische Gewalt dienen seiner Ansicht nach dazu, diese Radikalisierung voranzutreiben. Sind diese Hintergründe tatsächlich bedeutungslos, wenn der Tages-Anzeiger heute unter Chefredaktor Strehle die «AKW-Lobby» kritisiert oder die «Energiewende » begrüsst? Es wäre zu diskutieren.

Bundesrat: «Enge Beziehungen»

Wichtig bei der Beurteilung seiner Positionen und Texte bleiben Strehles damaliges Alter sowie sein Bildungs- und biografischer Hintergrund. Von «Jugendsünden», wie seine Verteidiger einwenden, kann keine Rede sein. Strehle war 1984 ein 33-jähriger Akademiker, mit einem Doktortitel in Ökonomie der Hochschule St. Gallen in der Tasche. Sein Vater war ein angesehener Anwalt aus besten Zürcher Kreisen. Kollegen beschreiben Res Strehle als hochintelligenten, sensiblen und überaus gewissenhaften Zeitgenossen, der sich keine Sekunde einen Kontrollverlust erlaube und seine Emotionen stets im Griff habe. Sein Engagement für Leute, die Bombenattacken und Brandstiftungen als notwendige Massnahmen zur Durchsetzung ihrer politischen Vorstellungen betrachteten, war Ausdruck tiefster und schriftlich dokumentierter Überzeugungen. Die radikale Phase dauerte mindestens fünfzehn Jahre. Noch im Januar 1993, mit über vierzig Jahren, lobte Strehle in einem Nachruf in der Woz die Schweizer Terroristin Barbara («Babs») Kistler, der er «nahestand» (Woz), für ihren «konsequenten Kampf für den Sozialismus» (siehe Nachdruck S. 35). Kistler verfolgte eine Gewaltkarriere, seit sie fünfzehn war. Sie gehörte zum Umfeld der Gruppe Bändlistrasse, die aktiv die deutsche RAF unterstützte. Kistlers damaliger Freund war ein Technikfreak und lieferte Zünder an die deutschen Terroristen. «Anfang der Siebzigerjahre gab es enge Beziehungen zwischen der linksanarchistischen Gruppe Bändlistrasse in Zürich zur Baader- Meinhof-Gruppe in Deutschland», schrieb der Bundesrat im Jahr 2002 nach den Anschlägen von 9/11 in einer Gefährdungsanalyse zuhanden des Parlaments. Auch im Erwachsenenalter setzte sich Kistler weiter für RAF-Terroristen ein, besonders für Rolf Clemens Wagner, der in der BRD wegen diverser Terrorakte, darunter die Ermordung des Managers Hanns Martin Schleyer, zu zweimal lebenslänglich verurteilt worden war. Kistler wollte ihr Idol im Gefängnis besuchen. In seinem Nachruf kritisiert Res Strehle nicht etwa die mörderische Gewalt, sondern die Schweizer Behörden, weil sie Kistler nicht erlaubten, Wagner aufzusuchen. Unerwähnt lässt Strehle, warum Wagner in der Schweiz einsass. Nach einem Banküberfall mit weiteren RAF-Mitgliedern kam es am 19. November 1979 im Shopville unter dem Zürcher Hauptbahnhof zu einer Schiesserei, bei der eine Passantin starb und ein Polizist verletzt wurde. Wagner wurde noch am selben Tag verhaftet.

Es ist bezeichnend für die Verblendung des glühenden Linksextremisten: Das Mitgefühl des Nachruf-Schreibers Strehle gehört nicht den Opfern, die aus seiner Sicht wohl dem historisch notwendigen Durchbruch des Sozialismus entgegenstanden, sondern den Tätern. Einfühlsam beschreibt der Autor, wie sich «Babs» bei der Neugründung des RAF-Unterstützerkomitees gegen «Isolationshaft» engagiert habe. Am Ende kämpfte Kistler mit einer Kalaschnikow in den Reihen der Türkiye Komünist Partisi – Marksist-Leninist (TKP-ML) in den Gebirgszonen der Osttürkei gegen den «Imperialismus». «Mit der Konsequenz ihres Handelns hat sie für viele GenossInnen und FreundInnen einen Massstab gesetzt», bilanziert der 41-jährige Strehle im Januar 1993 dieses Schweizer Terroristenleben.

Bei solchen Betrachtungen, die bis in den sprachlichen Duktus hinein den Geist der RAF atmen, liess es Strehle nicht bewenden. In sogenannten «Kapital»-Lesekursen im Quartierzentrum Kanzlei führte er seine Klientel aus der gewaltbereiten Zürcher Autonomen-Szene ins Hauptwerk von Karl Marx ein. Strehle sei so etwas wie der «Ökonomieprofessor des schwarzen Blocks» gewesen, sagt ein ehemaliger Teilnehmer der Kurse. Auch dazu kann Strehle heute nicht stehen. In einem Interview mit der Medienzeitschrift Klartext im Jahr 2007 beteuert er überraschend: «Und ich selber war nie Marxist. Ich bin ein Anhänger der Politischen Ökonomie.»

Befremdlich ist schliesslich, was Strehle – mit der bereits damals terroristisch verstrickten Barbara Kistler als Co-Autorin – in der Woz vom 15. Oktober 1982 über Israel und die Juden formulierte. Das journalistische Gespann widmete sich in einem ausführlichen Artikel der «nahöstlichen Gratwanderung des Schweizer Kapitals» (so der Titel des Beitrags). Kollegin Kistler hatte sich kurz zuvor «dem Befreiungskampf des palästinensischen Volkes », wie es Vordenker Strehle ausdrückte, anschliessen wollen. Die Fronten im hochkomplizierten Nahostkonflikt waren für die Radikallinke klar abgesteckt. In Umkehrung der realen Geschehnisse schrieben Strehle/ Kistler in ihrem Woz-Artikel von 1982 nicht nur von einem «mörderischen Gründungskrieg » Israels gegen «die Einwohner Palästinas und die arabischen Nachbarstaaten» (in Tat und Wahrheit ging der erste Nahostkrieg von der arabischen Seite aus). Die harte, dogmatische Sprache des linken Antikapitalismus bediente sich auch offen antisemitisch gefärbter Versatzstücke. In einem Abschnitt, der sich vorgeblich mit Antisemitismus in der Schweizer Wirtschaft befasst, greifen die israelfeindlichen Autoren selber in den Giftschrank: «Prominente Juden im Dienste des Grosskapitals», schreiben Strehle/Kistler, «verbergen ihre Herkunft, um die Exportinteressen ihrer Firma nicht zu gefährden.» Gemünzt war der Vorwurf explizit auf den Schweizer Atomkraftbefürworter und «Energiepapst » Michael Kohn. «Juden im Dienste des Grosskapitals»? Was immer sich Strehle dabei gedacht haben mag: Solche Formulierungen rufen einen klassischen Topos sowohl des rechten wie des linken Antisemitismus auf: das Bild des durchtriebenen, feigen Juden, der seine Identität verschleiert, um Profite zu machen. Vielleicht nicht die Autodidaktin Kistler, aber der 1978 promovierte Dr. oec. HSG Res Strehle muss sich im Klaren gewesen sein, an welche sprachlichen und geistigen Traditionen er damit anknüpfte.

Nachtrag:

Roger Köppel äussert sich über Fall Strehle: Radio 1: 14.02.2013 HIER!

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6 Gedanken zu “Res Strehle rechtfertigte „Erschiessungen von Unternehmern“ und kritisierte „Juden im Dienste des Grosskapitals“!

  1. Nach Strehles Verteidigungs-Selbstdarstellung auf den TAMEDIA-Kanälen, wurden zahlreiche Leserkommentarschreiber (ich spreche von den ‚Kritischen‘) gewahr, dass ihr Kommentar gar nicht erst aufgeschaltet wurde. Einer meinte dann in einem erneuten Versuch – der kurzfristig aufschien, dann aber auch wieder zensiert wurde – dass nur Strehles „seltsames Umfeld“ bei den Leserkommentaren zu Wort käme…

    Die TAMEDIA gibt hierfür „geltende Hausregeln“ vor. Erklären kann sie – auch auf mehrmalige Anfrage nicht – jedoch nicht a) weshalb sie selbst ihre eigenen Hausregeln laufend bricht und b) weshalb den Hausregeln entsprechende Leserkommentare auch nicht aufgeschaltet werden.

    Was kann es sein, das die TAMEDIA so umtreibt???

  2. Und wo rechtfertigte Strehle jetzt „Erschiessungen von Unternehmern“, ausser im Titel des Köppel-Channelers Gut?

  3. Ich bin nicht überrascht. Herr Res Strehle bezieht seine Informationen über Juden vom seiner Bibel „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Da er beim TA arbeitet, hat er für den Unsinn den er verzapft Rückendeckung.

  4. Hallo!
    Das sieht man wieder, dass ein Studium und Dr-Titel nicht immer mit der Faehigkeit zur einer rationalen Denkweise verbunden ist.
    Ausserdem kann man sich fragen, ob diese Sache die gleiche Aufmerksamkeit angezogen haette, waeren nicht die Juden einbezogen?
    MFG, alphachamber
    [https://www.liberalerfaschismus.wordpress.com]

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