Ralph Giordano – warum Erinnern wichtig ist

Ralph Giordano„Ich werde, wenn das zu Ende geht und ich überlebe, drei Menschen umbringen, die meine Familie besonderer massen gequält haben und dann werde ich Deutschland verlassen“, schwört Ralph Giordano, (* 20. März 1923) vor seiner Befreiung 1945 und schrieb das in seiner Biographie „Erinnerungen eines Davongekommenen„.

Er suchte zwar die Täter auf, aber er könnte keinen umbringen. Er bewies wahre Grösse, wahre Menschlichkeit und liess sie davonkommen. Sein Leben lang erinnert er an die Nazizeit und klärt auf. Trotz schlimmsten Erlebnissen sagt er, er könne sich ein Leben ohne Deutschland nicht vorstellen.

NZZ Standpunkte strahlte ein bewegendes, persönliches, emotionales und doch würdevolles Interview mit Giordano, bald 90 Jahre alt, aus. 

Auszüge aus diesem Gespräch. Ralph Giordano:

„Während ich von mir selber sagen darf, je grösser der zeitliche Abstand fällt, desto näher rücken die Schreckensbilder. Es ist nicht so, dass die Zeit alles heilt, jedenfalls in diesem Bereich, bei diesem Sujet nicht. Und die Träume werden immer feindlicher, und ich darf von mir sagen, dass ich kein besonders ängstlicher Mensch bin, aber ich fürchte mich vor den Nächten, das muss ich hier zugeben, weil diese, es ist immer dasselbe Muster, es kommt kein Hackenkreuz in diesen Träumen vor, kein Himmler, kein Heidrich, aber immer dasselbe Muster, eine Gruppe von Menschen, Männern, in einem Kreis erscheinen. Wimmerlauten, weinend, schreiend, da wird jemand gequält und diese Gruppe kommt auf mich zu, immer näher und näher und in dem Moment, als sie nach mir greift, wache ich auf. Das geht seit Jahrzehnten so und immer intensiver und das ist schon was meine späten Tage verdunkelt und verdüstert.

[…]Ich kann nicht sagen, was ich vor zwei Jahren getan habe […] aber ich kann ziemlich genau sagen, was ich erlebte im April 37 oder im Oktober 1942 oder im September 1945.

Ich lese seit 30 Jahren aus meinen Büchern. […]. Diese Generation von Enkelinnen und Enkeln gehen etwas, sagen wir liberaler um mit dieser schrecklichen Thematik, nun frage ich mich, wie kann man ihnen das Unvorstellbare vorstellbar machen? Das ist mein Problem. Die Wirklichkeit, diese fürchterliche Wahrheit, die da ist. Ein Beispiel: Die grosse Gaskammer von Auschwitz, die 1943 eingerichtet wurde, die fasste 2000 Menschen, wenn sie wie Sardinen aneinander standen, dann wurde Zyklon-B eingelassen und nach einer Viertelstunde war alles vorbei. Dann wurden die Tore geöffnet, das Zahngold herausgebrochen, und alles vorbereitet für den nächsten Schub. Das darf nicht verschwiegen werden, das darf nicht tabuisiert werden, das muss genannt werden […], ich fürchte mich davor, den jungen Menschen so glühend heiss wie es ist, zu vermitteln, mitzuteilen, weil ich mich frage, was können sie davon begreifen?

Diese These, dass muss endlich mal zu Ende sein, es muss endlich mal Schluss gemacht werden, die habe ich kurz nach meiner Befreiung am 4. Mai 1945 gehört. […] Diese Leute, die das sagen, die von damals und die heute haben alle eins gemeinsam, sie haben mit dem, womit sie Schluss machen wollen niemals angefangen und davon ist eine ganze Generation geprägt.[…]

Dieser „Leiche-Himalaya“ im Keller der deutschen Geschichte, hat niemanden gefragt, was er will oder was er nicht will, er ist einfach da, wie ein Berg da ist und man kann sich vor einen Berg stellen und sagen, Berg du bist nicht da, das machte dem Berg gar nichts aus, er ist da und diese Leute, die Schluss machen wollen, haben nicht triumphiert, haben nicht gesiegt. Wenn ich eine Bilanz ziehen sollte, also für die Gegenwart, würde ich sagen, in dem Punkt bin ich nicht so pessimistisch; d. h. Auschwitz ist nicht wegzudrängen, wegzubekommen. Es ist ein Symbol für etwas, was jenseits aller menschlichen Erfahrung ist und auch ich, der ein Leben lang mich mit nichts anderem herumgeschlagen und herumgeplagt habe, auch ich kenne nur einen kleinen Ausschnitt von allem dem, was sich da getan hat und mir ist immer wieder unbegreiflich, was sich da getan hat. […]

Ich habe mein ganzes Leben versucht aufklärerisch zu wirken. Das was damals war, das war nicht einfach.

Was es bedeutet hat Jude zu sein, in der Nazizeit. Die erste schwere innere Versehrung kam nicht vom Staat, sondern von einer Seite, von der ich es nicht erwartet hatte, nämlich von den Spielgefährten, mit denen ich aufgewachsen bin. […]Ich war 1933 zehn Jahre alt. […] Zwei Jahre später, 1935, muss in den Sommerferien gewesen sein, komme ich auf die Strasse um mit meinen Spielgefährten zu spielen, wie in allen den Jahren zuvor, und auf der Strasse ist mein bester Freund Heinemann, mit dem ich gross geworden bin, mit dem ich gespielt habe und er sagt „Ralle, mit dir spiele ich nicht mehr, du bist Jude“! Meine Herren, das ist 70 Jahre her und wenn ich Ihnen das erzähle, laufen mir die kalten Schauer den Rücken herunter. Das vergisst man nie. Später sind viel schlimmere Dinge passiert, auch physisch, Misshandlungen aber dieser Satz „Ralle, mit dir spiele ich nicht mehr, du bist Jude“, das ist eine Verwundung gewesen, über die ich mein ganzes Leben lang nicht hinweggekommen bin.[…]

Je älter ich werde, desto schwieriger wird es, aufklärerisch das zu vermitteln, was ich vermitteln möchte, nämlich den jungen Menschen zu sagen, passt auf, seit wach und lasst euch nicht einschüchtern von Gegenstimmen.[…]

Sehr bald nach der Befreiung stellte sich heraus, Hitler und das was dieser Name symbolisiert war zwar militärisch geschlagen, nicht aber geistig oder besser ungeistig. Nach einem kurzen Vergeltungsschock kam nun bei allzu vielen Deutschen der braune Adam sehr schnell wieder durch.[…]

Wie kann man vergessen, dass die Furcht vor der jederzeit möglichen Tötung unseres zentralen Lebensgefühls, seit 1938 war, wie kann man das vergessen, das hat mir ein Deutscher angetan, was damals war. Die Furcht vor dem jederzeit möglichen Gewalttod war mein zentrales Lebensgefühl… Wie kann man das vergessen? Das kann man nicht vergessen, das geht nicht. […] Aber ich bin geblieben!

Mein Verhältnis zu Deutschland wird immer gespalten bleiben. Es ist Furcht und Liebe. Beides.[…]

Es taucht die Frag auf, ob damals, ob der Nationalsozialismus überhaupt bewältigbar ist? Nein, die Täter sind davon gekommen. Und wenn es nach Gerechtigkeit gegangen wäre, dann kann ich nur sagen, so viele Gefängnisse wie nötig gewesen wären um die Täter dahin zu bringen wo sie hingehören, gibt es gar nicht. […]

Ich bin immer ein Anhänger der Kollektivschuld gewesen, immer; d. h. die frenetische Zustimmung der damaligen Deutschen, von einer bestimmten Generation ab und von einem bestimmten Alter, war so, dass für mich die These von Kollektivschuld immer selbstverständlich gewesen ist. So habe ich meine Umgebung kennen gelernt damals. […]

Nur eins war sicher, wenn die Kollektivschuld strittig ist, die Schuldabwehr war kollektiv.[…]

Das Allerwichtigste für die jungen Leute, was ich sage, sättigt euch mit Kenntnissen, was Nationalsozialismus bedeutet hat. Vor allem auch für die Deutschen. Die Deutschen sind diejenigen, die am längsten betroffen werden. […] Macht euch bekannt, was geschehen ist in diesem Deutschland, in der Mitte Europas, unglaublicher Weise. Die jungen Leute müssen wissen, mit welchen Methoden die Nationalsozialisten die Leute gewonnen haben, wie demagogisch… wie das alles funktioniert hat, wie der Propagandaapparat gewirkt hat. Es muss ihnen klar gemacht werden, dass hier ein ungeheurer Verlust an der humanen Orientierung stattgefunden hat. Die Deutschen von damals sind wie die Dominosteine umgefallen. Ein junger Mensch in diesem führerbesoffenen Deutschland von damals, konnte gar nichts anderes werden als Nationalsozialist. Man muss auch gerecht sein, man muss auch differenzieren – ich mache einem 10- oder 15-jährigen keinen Vorwurf, dass er Nazi geworden ist. Die Verantwortung beginnt erst bei einer bestimmten Altersstufe. All das, der jungen Generation, der neuen Generation mitzuteilen ist wichtig und ich hoffe, dass ich das noch lange kann.“

Dass Ralph Giordano dieser Welt noch lange erhalten bleibt, ist zu wünschen. Ein grossartiger Mann!

imagesCA82BRWH

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s