Heks, die Heilige Sch…

Ein Tag im Leben einer Heks-Mitarbeiterin!

Autor: Alan Posener

Von ihrem eisengrauen Kurzhaarschnitt bis zu den flachen Sohlen ihrer Gesundheitsschuhe ist Frau Schmidt – nennen wir sie einmal so – die Verkörperung eines tätigen Christenmenschen. Wer sie kommen sieht, mit ihrer Bluse aus Naturbaumwolle, ihrem kratzigen Wollrock, ihren weißen Strümpfen, ihren stahlblauen Augen, ihrem grimmig geschürzten Mund, der weiß:

Hier kommt das gute Gewissen und will dir ein schlechtes machen.

Frau Schmidt ist Mitglied der Evangelischen Kirche des Rheinlands und aktiv in der „Solidarischen Kirche“. Nach einem langen Tag freiwilliger Arbeit im Dritte-Welt-Laden (Naturprodukte aus Kuba) klettert sie in ihr Auto (läuft mit Öl aus Saudi-Arabien), fährt nach Hause (beheizt mit Gas aus Russland), setzt sich an ihr Laptop (made in China) und formuliert einen Aufruf: „Deutsche! Kauft nicht beim Juden!“

Nein, natürlich tut sie das nicht. Doof ist Frau Schmidt ja nicht. Ihr Aufruf trägt den Titel: „Weil Besatzung bitter schmeckt“ und fordert zum Boykott israelischer Waren auf. Denn es könnte ja sein, dass die tollen Avocados, die saftigen Orangen, die süßen Datteln oder Bananen aus „israelischen Siedlungen“ stammen. Und die, das weiß ja jeder solidarische Christ, sind das Haupthindernis für einen gerechten Frieden im Nahen Osten.

Eine Schande, dass Israel nicht endlich die Golanhöhen mitsamt der arabischen Bevölkerung an das gerechte Syrien zurückgibt! Unfassbar, dass die Westbank nicht endlich judenrein wird, damit die arabische Bevölkerung auch dort endlich in den Genuss der gerechten Hamas-Diktatur kommt! Und damit es möglichst bald so weit ist, fordert Frau Schmidt dazu auf, Waren aus dem jüdischen Staat zu boykottieren. Kauft nicht vom Besatzerjuden!

Nur, das schreibt sie nicht so. Von Boykott redet die „Solidarische Kirche“ nicht, weil – so blöd sind die nun auch wieder nicht – sie sich vage erinnern, dass da früher etwas war. Vielleicht weiß Frau Schmidt nicht, dass schon 1921 der evangelische Pfarrer Friedrich Wilhelm Auer zum Boykott jüdischer Geschäfte aufrief; dass der Evangelische Bund 1924 den „Abwehrkampf gegen rassische und geistige Überfremdung“ zur „christlichen Pflicht“ erhob; dass das evangelische Wochenblatt „Licht und Leben“ 1927 meinte, Arier dürften nicht bei Juden kaufen; dass, als 1933 schließlich die Nazis diesem christlichen Drängen Raum verschafften, die evangelischen „Deutschen Christen“ freudig vorneweg dabei waren.

So im Detail weiß sie das nicht, aber das war ja schrecklich damals. Frau Schmidts Vater, obwohl in der Partei, musste er ja als Rechtsanwalt, war auch immer innerlich dagegen, hat wiederholt erzählt, wie er mehreren Juden das Leben gerettet habe.

Die sich freilich als wenig dankbar erwiesen. Nach ’45 waren plötzlich die Erben aus Israel da und wollten das rechtmäßig arisierte Vermögen wiederhaben. Typisch. Wir hatten doch selbst nichts! Hatten doch die Amis in ihrer alttestamentarischen Rache alles in Schutt und Asche gelegt.

Frau Schmidt schürzt die Lippen und tippt weiter. Trotzdem: „Boykott“ geht nicht. Das klingt nicht solidarisch. Nur, wie soll man es sagen?

Plötzlich hat sie’s: „Kaufverzicht“! Das ist es! Boykott klingt so … so aggressiv. Aber „Kaufverzicht“? Das ist allenfalls autoaggressiv, wie freitags auf Fleisch verzichten, in der Fastenzeit auf Alkohol – man ist ja nicht katholisch, die sind ja auch irgendwie falsch, aber in Sachen Judenboykott ist man ökumenisch vereint: die Aktion ist sogar von der katholischen Pax Christi ausgedacht worden.

Verzicht, das ist ein gutes Wort. Kein Atomstrom, kein Make-up, das an Tieren ausprobiert wurde, keine Chemie im Essen, kein Springerblatt im Briefkasten und kein jüdisches Obst auf den Teller. Im wohligen Gefühl, das selbstlose Werke eben vermitteln, hüllt sich Frau Schmidt in die Decke, die sie damals von der Reise nach Damaskus mitgebracht hatte, und liest zum Einschlafen noch ein bisschen im neuen Gedichtband von Günter Grass.

(Zuerst erschienen in Welt.de)

Bild: Deutsch-Israelische Freundschaft!

Nachtrag:

11.12.2012 Lesenswert arlesheimreloaded „Das HEKS weiss: Schweizer wollen, wenn schon, sympathische Arme“ 

Doch so ein Hilfsunternehmen ist halt auch nur ein Lifestyle-Unternehmen.

Deshalb wirbt es auch so, wie es wirbt. Dabei ist schon längst klar: Das HEKS und die anderen Hilfswerke könnte man morgen abschaffen. Es würde sich in Afrika und an anderen Orten Welt nichts zum Schlechten verändern. Die brauchen uns nämlich gar nicht.“

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