Der etwas andere Zeitgeistsurfer

Das Gift der Hilfswerke – die aktuelle Weltwoche hat hervorragende Reportage von Alex Baur über den Bergbau gebracht, die wir mit der Einwilligung des Autors veröffentlichen!

Mit der Kampagne gegen den Rohstoff-Giganten Xstrata haben Schweizer Drittwelt-Lobbyisten einen blutigen Konflikt in den peruanischen Anden befeuert und sinnvolle Projekte verhindert. Die Vorwürfe gegen Xstrata sind haltlos, wie ein Besuch vor Ort zeigt.

Es ist eine düstere Welt, die sich auf der Web­site Multiwatch.ch präsentiert. Wie Kraken breiten multinationale Giganten von der Schweiz ihre Tentakel über die Welt aus, um die Ärmsten der Armen auszusaugen; ohne Skrupel vergiften sie die Natur, korrumpieren Regierungen und treten die Rechte der Arbeiter mit Füssen. Besonders schlimm steht es ­gemäss Multiwatch um den Bergbau. Die in Zug domizilierten Rohstoffgiganten Glencore und Xstrata stehen denn auch seit geraumer Zeit unter Dauerbeschuss der Lobby-Gruppe.

Hinter Multiwatch stehen diverse Schweizer Nichtregierungsorganisationen, sogenannte NGO, von Alliance Sud über Swissaid bis zur Erklärung von Bern, aber auch kirchliche Hilfswerke wie Brot für alle oder Fasten­opfer sowie Gewerkschaften (Unia, VPOD) und Linksparteien (PdA, Grüne). Das mediale Echo auf die Kampagnen von Multiwatch, die meist nicht als solche deklariert werden, ist beachtlich. In der Regel finden die professionell ­aufbereiteten Informationen getarnt als ­Nachrichten oder gar als vermeintliche Eigenrecherchen ihren Weg an die Öffentlichkeit – der Traum eines jeden Lobbyisten.

Als Oscar Mollohuanca, der Bürgermeister von Espinar in den peruanischen Anden, im letzten Mai der Schweiz einen Besuch abstat­tete, war dies sogar der «Tagesschau» von SF einen Bericht wert. Radio DRS brachte ein längeres Interview mit Mollohuanca, der angereist war, um vor dem Firmensitz von Xstrata in Zug gegen die angebliche Vergiftung von Tieren und Menschen durch den Konzern in seiner Heimat zu protestieren, die durch unabhän­gige Gutachter nachgewiesen worden sei. Dass die Reise Teil einer Medienkampagne und von Hilfswerken finanziert war, blieb unerwähnt.

Wenige Tage später, am 21. Mai, – auch darüber berichteten diverse Schweizer Medien – kam es zu Ausschreitungen in Espinar, bei ­denen zwei Demonstranten von der Polizei getötet wurden. Anlass der Proteste war offenbar das erwähnte Umweltgutachten. Die pe­ruanischen Behörden beschuldigten Bürgermeister Mollohuanca, die Krawalle angezettelt zu haben, und setzten ihn vorübergehend in Untersuchungshaft. Amnesty International schaltete sich ein und warnte in einer Protestnote vor einer Verletzung der Menschen­rechte.

Die Ausschreitungen um die Kupferminen Tintaya von Xstrata bei Espinar waren auch in den peruanischen Medien ein grosses Thema. Dort erfuhr man auch, dass nicht nur De­monstranten, sondern auch zwei Dutzend ­Polizisten bei den gewalttätigen Krawallen verletzt worden waren. Unter den Demons­tranten fanden sich straff organisierte Einheiten, die zum Teil mit Bussen angereist waren und die ihre Wurzeln in den marxistisch-­leninistischen Kaderparteien des Kalten Krieges haben.

Kupfermine von Aktivisten geplündert

Dass die Demonstranten tatsächlich die Stimmung im Volk repräsentieren, wie die Schweizer Hilfswerke glauben machen, ist zu bezweifeln. In Espinar ist es nicht anders als in Zürich: Wenn der schwarze Block an der Langstrasse randaliert, so heisst das nicht unbedingt, dass sich die Bevölkerung in revolutionärem Aufruhr befindet. Hinter dem Protest stand ein Konglomerat linker Gruppierungen, die im Verbund mit einem progressiven Sektor der katholischen Kirche den Bergbau als Symbol des globalen Kapitalismus prinzipiell ablehnen, die sogenannten antimineros.

Bereits sieben Jahre zuvor, am 21. Mai 2005, hatten Aktivisten die Kupfermine bei Espinar überfallen, geplündert und schwere Schäden angerichtet. Oscar Mollohuanca führte damals die Randale an. Vor zwei Jahren wurde er zum Bürgermeister von Espinar gewählt, allerdings mit lediglich 29,6 Prozent der Stimmen, was einer Eigenheit des peruanischen Wahlsystems zuzuschreiben ist. Die Kommune von Espinar ist seither gespalten. Kurz vor seiner Reise in die Schweiz entging Mollohuanca knapp einem Amtsenthebungsverfahren. Die Ausschreitungen vom letzten Mai, bei denen Mollohuanca aktiv mitwirkte, könnten auch als Ablenkungsmanöver gedeutet werden.

Die Gefährdung von Mensch und Umwelt durch die Minen war in Peru schon immer ein virulentes und emotional befrachtetes Thema. Das Land hat eine jahrhundertealte Tradition im Bergbau. Das grösste Problem sind heute allerdings unbestrittenermassen die Heerscharen illegaler Schürfer, die bar jeder Kon­trolle und oft unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Internationale Konzerne stehen dagegen unter scharfer Beobachtung. Sie können es sich kaum leisten, gegen die ziemlich strengen arbeitsrechtlichen und umwelttechnischen Auflagen zu verstossen.

Umso grösser war die Empörung, als die renommierte Journalistin Cecilia Valenzuela im letzten September die angeblich unabhängige Umweltexpertise, auf welche die antimineros ihre Kampagne gegen Xstrata stützen, als tendenziöses Machwerk entlarvte. Die Gewässer, welche die vermeintliche Ingenieurin Elke Humpel – in Wirklichkeit handelt es sich um eine deutsche Studentin, die bei einer der involvierten NGO ein Praktikum absolvierte – im Auftrag kirchlicher Hilfswerke untersucht hatte, lagen zum Teil gar nicht im Einzugsgebiet der Kupfermine. Die gefundenen Schwermetalle sind gemäss peruanischen Fachleuten eher untypisch für eine Kupfermine und könnten in Anbetracht des Erzreichtums der Gegend auch natürlichen Ursprungs sein.

Anders als in der Schweiz haben in Peru zurzeit nicht Glencore und Xstrata ein Image­problem – sondern vielmehr die involvierten Hilfswerke. Der Verdacht, dass sie die Bevölkerung mit politisch motivierten Pseudo-Gutachten aufwiegeln und blutige Ausschreitungen provozieren, wiegt schwer. Kommt hinzu, dass Rohstoffe für die peruanische Wirtschaft von vitaler Bedeutung sind; sie machen rund 85 Prozent der Exporte aus und verschaffen dem Staat rund einen Drittel der Steuereinnahmen. Die Hausse im Rohstoffhandel hat dem Land in den letzten zehn Jahren traumhafte Wachstumsquoten beschert und die ­Armutsquote markant gesenkt.

Das nach der Agrarreform der 1970er Jahre verarmte und in den 1980er Jahren vom blutigen Terror der Guerillas geplagte Hochland zwischen Ayacucho, Cusco und Puno hat von der Bonanza am meisten profitiert (Weltwoche Nr. 49/11, «Wirtschaftswunder in den Anden»). Gerade hier setzt indes die Kritik der antimineros ein. Das ungestüme Wachstum, so monieren sie, störe das soziale Gleichgewicht und bedrohe die Kultur der Indio-Kommunen. Die Multis, so der landläufige Vorwurf, würden ihre Ländereien plündern und vergiften. Was dabei für die Einheimischen abfalle, seien Brosamen.

 Eigener Radiosender

Die Tintaya-Mine liegt rund zehn Kilometer südöstlich von Espinar auf rund 4100 Meter über Meer in einer dünnbesiedelten Steppenlandschaft. Die riesigen Bagger und Trucks mit bis zu 450 Tonnen Nutzlast, die hier ganze Hügel versetzen, stehen in einem eigentüm­lichen Kontrast zu den bisweilen noch mit Stroh bedeckten, weit über die Hochebene lose verstreuten Lehmhütten der Indios. Das Herz der Anlage, wo das kupferhaltige Gestein zermahlen und in einem chemischen Prozess zersetzt wird, erinnert optisch an eine Zement­fabrik.

Die Mine ist eine in sich geschlossene Welt mit 2200 Angestellten, Mannschaftsunterkünften und Kantinen, einem Busnetz und sogar einem eigenen Radiosender. Die nichtqualifizierten Arbeiter stammen gemäss Xstrata ausnahmslos aus der nahen Umgebung, die Vorarbeiter und Ingenieure zumeist aus den nahen Städten Cusco und Arequipa. Obwohl Xstrata rund um den Erdball aktiv ist, finden sich bei der peruanischen Niederlassung selbst in der Chefetage kaum Ausländer.

Aus Cusco stammt auch Luis Rivera, der oberste Boss von Xstrata Peru: ein Mestize aus einfachen Verhältnissen, der an der staatlichen Universität San Marcos Geologie studiert und sich als Praktiker auf dem Feld hochgearbeitet hat. Mediensprecher Marco Santos, der uns während des Besuches durch die Tintaya-Mine begleitet, ist in einem kleinen Dorf in den südlichen Hochanden aufgewachsen. Die Quechua-Sprache der Indios ist ihm daher geläufig. Santos spricht aber auch fliessend Französisch und Englisch. Die Schweiz kennt er bestens. Dank einem Stipendium hat er in Neuenburg Ökonomie studiert. Als Mitarbeiter der Deza kehrte er in seine Heimat zurück, wo er schliesslich bei Xstrata landete.

Auch Pilar Alfaro, die wir während unseres Streifzugs durch die Mine zufällig treffen, hat Erfahrungen in Europa gesammelt. 2009 suchte die 39-jährige alleinerziehende Mutter ihr Glück in Spanien. Nach einem Jahr kehrte sie entmutigt und mit leeren Händen in ihre Heimat zurück. Heute arbeite sie als Truck-Fahrerin bei Xstrata, und das, so sagt sie, sei für sie etwa so wie «el pollón en la lotería» – «ein Sechser im Lotto», frei übersetzt. Alfaro arbeitet jeweils zehn Tage durch, dann reist sie für fünf Tage nach Arequipa, wo ihr Sohn an der Universität studiert. Sein Ziel: Bergbauingenieur natürlich.

Ausgezerrte Männer mit russverschmierten Gesichtern und schmuddeligen Overalls, die an lärmigen Maschinen hantieren, sucht man hier vergeblich. Der moderne Bergbau ist ein Hightech-Geschäft. Gefragt sind Zuverlässigkeit und technisches Können, Herkunft oder Geschlecht sind bedeutungslos. Die körper­liche Belastung für die Arbeiter ist nicht grös­ser als in einer Fabrik. Gemäss Angaben von ­Xstrata verfügt die Kupfermine über einen in sich geschlossenen Kreislauf. Das für den Prozess nötige Wasser wird in Kläranlagen und Absinkbecken vollständig rezykliert.

Die Minera Tintaya wurde 1982 als Staatsbetrieb gegründet und 1994 im Zuge der Liberalisierung privatisiert. Jährlich werden hier im Tagbau gegen 100 000 Tonnen Kupferkonzentrat und als Nebenprodukt 33 000 Unzen Gold gefördert. Die Vorräte von Tintaya sind mittlerweile erschöpft. Geblieben ist ein gigantischer Krater, der nun mit der Schlacke aus der bloss wenige Kilometer entfernten Anta­paccay-Mine gefüllt wird, die Xstrata gegenwärtig mit einer Investition von rund 1,4 Milliarden Dollar erweitert. Weitere 5,5 Milliarden Dollar steckt der Konzern in die Kupfermine Las Bambas, die zurzeit rund 170 Kilometer nordöstlich von Espinar neu angelegt wird.

Das sind selbst für ein Unternehmen wie Xstrata gigantische Investitionen, die sich nur auf lange Frist bezahlt machen. Das unternehmerische Risiko ist beträchtlich. In den letzten zwei Jahrzehnten war Peru politisch sehr stabil. Auch linke Regierungen haben das liberale Wirtschaftsmodell nicht angetastet, das dem Land einen gewaltigen und anhaltenden Entwicklungsschub bescherte. Als grössten Risikofaktor stufen die Unternehmen gemäss einer Erhebung der Sociedad Nacional de Minería allerdings soziale Konflikte ein.

Und die sind eine permanente Bedrohung in dieser abgelegenen Weltgegend, wo die moderne Zivilisation auf archaische Strukturen prallt und das Faustrecht nicht selten den lückenhaft präsenten Staat ersetzt. Doch an Geld mangelt es nicht. Dank den Steuereinnahmen aus dem Bergbau ist das Städtchen Espinar mit einem Jahresbudget von rund 54 Millionen Dollar eine für peruanische Verhältnisse reiche Gemeinde. Doch der Nachholbedarf ist gewaltig. Viele Projekte scheitern an bürokratischen Hürden, Korruption und mangelhaftem Know-how. Vor allem aber hat der schnelle Reichtum auch zu Verteilungskämpfen geführt.

Xstrata hat sich deshalb freiwillig verpflichtet, drei Prozent ihres Gewinnes (vor Steuern)in soziale Projekte vor Ort zu investieren. In den letzten sieben Jahren waren dies rund 65 Millionen Dollar, die ohne bürokratische Verluste den umliegenden Indio-Kommunen zugutekamen. In enger Kooperation mit den Nutzniessern wurden Dutzende von ­Projekten lanciert, die sich zeigen lassen: Schulen, Ambulatorien, Landmaschinen- und Viehzuchtgenossenschaften, Bewässerungs­systeme, eine Käserei, die den Bauern einen festen Preis garantiert und mittlerweile täglich sieben Tonnen Milch verarbeitet.

Zu den Vorzeigeprojekten von Xstrata gehört neben dem Spital von Espinar das Bildungsinstitut CREE: ein grosszügig konzipiertes Zentrum des Wissens in Espinar mit topmodernen Laboratorien, die jedem Schweizer Gymnasium gut anstehen würden, mit Computern, Musikinstrumenten aller Art und vor allem auch mit gutbezahlten und fachlich ausgewiesenen Dozenten. Am CREE können sich – auf freiwilliger Basis – sowohl Lehrer wie auch Schüler weiterbilden. Und diese machen, dieser Eindruck stellte sich zumindest anlässlich unseres Besuches ein, mit erfrischendem Enthusiasmus von diesem Angebot Gebrauch.

Das CREE ist gleichsam der Gegenentwurf zum Modell der Hilfswerke, welche die indigenas (auf Deutsch: Eingeborene) als eine Art menschliches Inventar eines Völkerkunde­museums behandeln, das vor den Einflüssen der westlichen Zivilisation beschützt werden muss. Sie verkennen dabei allerdings, dass die Indios in den Anden seit bald 500 Jahren in ­einer christlich geprägten Kultur leben, die nur noch Fragmente des präkolumbischen Erbes enthält (rund zwanzig Prozent sind ­übrigens protestantisch). Mit einem Bevölkerungsanteil von 75 Prozent sind die Indianer und Mestizen auch keine Minderheit in Peru.

Torkelnder Bürgermeister

Seit einem Jahr sind alle neuen sozialen Projekte von Xstrata auf Eis gelegt. Der Grund: Bürgermeister Mollohuanca blockiert jede Zusammenarbeit. Doch ohne die Zustimmung lokaler Vertreter, so steht es im Kooperationsvertrag, läuft nichts. Gestoppt wurde im letzten Frühling auch eine geplante Zusammenarbeit von Xstrata Peru mit dem Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Die drei Schwerpunkte waren bereits definiert: technische Beratung lokaler Behörden, ein Projekt zur Aufforstung und der Aufbau eines sanften Tourismus. Wie ein Mitarbeiter des ­Seco gegenüber der Weltwoche bestätigte, liegt der einzige Grund bei den Kampagnen der ­Erklärung von Bern und Multiwach gegen ­Xstrata und Glencore: «Wir befürchteten, in diesen Konflikt hineingezogen zu werden.» Auf den Punkt gebracht: Schweizer Hilfs­werke verhindern soziale Projekte – und heizen stattdessen soziale Konflikte an.

Was meint Bürgermeister Mollohuanca zu diesem Vorwurf? Er weilt während unseres Besuchs in Espinar gerade in Cusco, der Hauptstadt des Departements. Wir verabreden uns in einer Bar im Stadtzentrum. Sein Chauffeur, Leocadio Florez, ein liebenswürdiger Mann, fängt uns an der Tür ab: Der Chef habe einen anstrengenden Tag hinter sich, warnt er. Das ist sehr freundlich ausgedrückt. Oscar Mollohuanca ist ziemlich betrunken und nicht dazu aufgelegt, Fragen zu beantworten. Dafür hält uns der 51-Jährige einen Vortrag über die Kultur der Inkas, die Vorzüge der Alpakas, die man im Gegensatz zum Geld essen könne und deren Wolle Wärme spende, die Plünderung der Anden durch die Spanier und die Gringos.

Die drei Prozent, welche Xtrata in soziale Projekte investiere, meinte der Bürgermeister, seien ein lächerlicher Klacks, eine Beleidigung. Er verlange dreissig Prozent – und die Kon­trolle über die Projekte. Die Frage, was er denn mit dem Geld machen würde, fegt Mollo­huanca mit einer ungehaltenen Handbewegung und zusammen mit einem halbvollen Bierglas vom Tisch: «Das ist unsere Sache.» ­Leocadio Florez sieht die Zeit gekommen, den arg torkelnden Chef mit sanftem Druck aus der Bar hinauszukomplimentieren. Wer mit diesem Mann verhandeln muss, ist nicht zu beneiden.

Kommentar Von Alex Baur

Glencore und Xstrata, zwei in Zug domizilierte internationale Rohstoffgiganten, haben diese Woche ihre Fusion besiegelt. Ist das gut für die Schweiz? In der Öffentlichkeit hört man vor allem Warner und Kritiker. Drittwelt-Lobbyisten, allen voran die einflussreiche «Erklärung von Bern», fahren seit über einem Jahr eine Dauerkampagne gegen die beiden Multis, denen sie von Umweltverschmutzung über Steuerdelikte bis hin zu Menschenrechtsverletzungen alles Mögliche unterstellen. Überprüfbar sind die Behauptungen selten, die auf alte Vorurteile bauen.

Das propagandistische Trommelfeuer scheint Früchte zu tragen. Im letzten August orakelte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann über ein «Reputationsrisiko» für unser Land, das von internationalen Rohstofffirmen ausgehe. Es gibt Bestrebungen, die Multis künftig in der Schweiz ins Recht zu fassen für den Frevel, den sie angeblich anderswo begehen. Und niemand scheint sich darüber zu freuen, dass diese Firmen die Schweiz zu ­einem florierenden Zentrum des globalen Rohstoffgeschäfts gemacht haben.

Man könnte es auch anders sehen. Der ­anhaltende Boom beim Bergbau hat vielen Ländern in Afrika, Asien und Südamerika im letzten Jahrzehnt zu spektakulären und anhaltenden Wachstumsraten verholfen, die nicht zuletzt den Armen mehr gebracht haben als jede Entwicklungshilfe. Und wenn Schweizer Richter anstelle der lokalen Justiz über den Alltag in einer sambischen oder chilenischen Mine entscheiden, offenbart sich die alte koloniale Arroganz. Wer gibt den Schweizern ­eigentlich das Recht, den Afrikanern ihre eigenen Regeln vorzuschreiben?

Der moderne Bergbau ist ein kapitalintensives Hightech-Geschäft. Die Investitionen sind gigantisch, und sie zahlen sich nur auf lange Frist aus. Die Multis haben schon aus diesem Grund ein ureigenes Interesse an einer nachhaltigen – sprich sozial verträglichen und umweltgerechten – Bewirtschaftung ihrer Minen. Investitionen in Entwicklungsländer bergen andererseits oft grosse politische Risiken, während die Rohstoffpreise enormen Schwankungen unterworfen sind. Je grösser eine ­Firma ist, desto besser kann sie das unternehmerische Risiko verteilen. Schon aus dieser Überlegung ist die Fusion der beiden Giganten von Vorteil. Auch für die Schweiz.

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2 Gedanken zu “Der etwas andere Zeitgeistsurfer

  1. Diese „Reportage“ erinnert sehr an diejenigen von Castro-Fans, welche nach Kuba reisen, um danach zu erzählen, dass in den Medien bloss Lügen über das angeblich makellose politische System verbreite – sie seien ja schliesslich vor Ort gewesen. Der Text vom Lateinamerika-Sonntagsausflügler Alex Baur ist von einer ähnlichen Machart – bloss unter einem anderen Vorzeichen: Auch der Weltwoche-Autor erhebt mit seiner Alibi-Reise nach Espinar das Monopol auf die Augenzeugenschaft und die „Wahrheit“ zum Minenkonflikt. Dabei ist die Reportage ziemlich durchschaubar:

    Ein Treffen mit dem alkoholisierten Bürgermeister, um jegliche Kritik am Rohstoffgiganten ins Lächerliche zu ziehen, ein Gespräch mit dem Boss von Xstrata Peru (von welchem wohl kaum kritische Worte zu erwarten sein dürfte), eine Truck-Fahrerin als Vorzeige-Mitarbeiterin sowie die üblichen alten Vorurteile gegen Hilfswerke und Lobhudeleien auf Xstrata, welche schon in vorhergehenden Texten Baurs zu finden sind. Weshalb soll die Leserschaft also einem Weltwoche-Journalisten, welcher sich bereits vor der Reise die rosarote Brille aufgesetzt hatte, mehr Glauben schenken als anderen Berichten?

    Soso, da scheint also jemand zu wissen, wie es „wirklich“ um den Minen-Konflikt in Espinar bestellt ist. Somit beschreibt Baur hervorragend seine eigenen Vorgehensweisen, die er so gern auf die Hilfswerke projiziert:
    „In der Regel finden die professionell ­aufbereiteten Informationen getarnt als ­Nachrichten oder gar als vermeintliche Eigenrecherchen ihren Weg an die Öffentlichkeit – der Traum eines jeden Lobbyisten.“

    • Ihre Kritik in Ehren, lieber Beni Rojas (wer immer Sie auch sind) – doch bevor Sie das Maul so voll nehmen, solltens Sie sich vielleicht über den Background des Autors vergewissern; und der hielt sich wahrlich nicht zum ersten Mal in der Gegend von Espinar auf, und er ist dort auch kein „Sonntagsausflügler“. Was zählt sind aber letztlich die Fakten, und die sind unwiderlegt. Grüsse, Alex Baur

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